1. Rhöner Schinken- und Destillationsmarkt

Josef Richter, die „rechte Hand“ des Bürgermeisters

Bä Net Bezohlt, Grett De Haals Obgeschnäide!

von Hermann Poth

Vor vielen Jahren gehörte es zum Alltag in Rasdorfs Straßen, wenn der Amtsdiener Josef Richter nach freundlichem Gebimmel mit seiner Ortsschelle mitten auf der Fahrbahn amAnger oder in der Landstraße oder am Geisaer Tor oder in einer der zahlreichen „Gassen“ stehenblieb und lautstark und deutlich „Beeekanntmachung“ rief. Es folgten dann die amtlichen Bekanntmachungen der löblichen Dorfregierung. Die Aufgaben des Josef Richter erschöpften sich jedoch nicht darin, ein wandelnder Lautsprecher zu sein, der gerne bereit war, einem späten Zuhörer noch einmal – quasi – im „slow motion“ – die amtlichen Gebote zu verkünden. Der Aufforderung an die Rasdorfer Bürger, die kommunalen Abgaben pünktlich zu entrichten, folgte oft der markige Satz: „Bä net bezohlt, grett de Haals obgeschnäide!“ Ob daraufhin die Abgaben rechtzeitiger als gewöhnlich entrichtet wurden, konnte nicht festgestellt werden.

Dass der gelernte Maurer bisweilen die Texte in eigener Regie leicht veränderte, belegt folgende Episode: Als Josef Richter in den 50er Jahren einmal beim „Ausschellen“ eine Filmvorführung mit 50 Pfennig Eintritt ankündigte, beantwortete er die Frage einer Mitbürgerin: „Boss kost de Itritt?“ mit „Fuchzich Fännich on e Gipsei!“ Worauf die sparsame Rasdorferin zu bedenken gab: „Bann ich erscht noch e Gipsei soll käif, dann genn ich net hin!“ Während seiner 20 Dienstjahre von 1953 bis 1973 war Josef Richter so etwas wie die „rechte Hand“ des Bürgermeisters oder „Mädchen für alles“.

Seine Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf das Ausschellen, sondern wenn es galt, Briefe der Dorfregierung an die Untertanen im Dorf auszutragen, dann musste der Ortsdiener her. Gleichermaßen trat er in Aktion, wenn Leute aufs Amt bestellt wurden oder wenn die Gemeindevertretung zusammengerufen wurde. 1973 folgte Josef Richter dem Ehrenbürgermeister Josef Flach in den verdienten Ruhestand.

Wenn man in den späteren Jahren dem freundlichen, immer gut aufgelegten „Ausscheller“ in Rasdorfs Straßen begegnete, so meinte man, er müsse jeden Augenblick stehen bleiben, seine Ortsschelle schwingen und eine „Beeekantmachung“ an den Mann bringen.

Der stets gut gelaunte und bei allen Bürgern sehr beliebte Gemeindebedienstete Richter zog letztmals, während der 1200-Jahrfeier, eine schmucke Dienstuniform an, um im historischen Festzug ein gelungenes Stück Alt-Rasdorf zu verkörpern.

Quelle: Rasdorfer Geschichtsblatt Nr. 9/2002, Seite 16

Josef Richter
Josef Richter (Leihgabe: Ludwig Hohmann)