1. Rhöner Schinken- und Destillationsmarkt

Es wannert

Von Rüdiger Stark

Wenn im Herbst die Feldarbeit abgeschlossen, es früh dunkelte und auch im Stall alles versorgt war, ging man „Spille“. Mit Nachbarn, Freunden und Verwandten traf man sich am Abend. Die Männer diskutierten über Dorfgeschehen und Neuigkeiten, die von Viehhändlern oder Marktbesuchern mitgebracht wurden. Die Frauen brachten zu diesen „Spille“-Abenden ihr Strickzeug mit. Fernsehen und Radio kannte man noch nicht, eine Zeitung war eher eine Rarität. Gelegentlich durften auch die Kinder abends dabei sein. Einmal im Jahr wurde Reih um zu einem „Kaffee-Kränzchen“ eingeladen, wo es dann Kaffee und Kuchen gab. Dazu wurde die gute Stube angeheizt.

Bei solchen Zusammenkünften wurden unter anderem “Spuk- und Wannergeschichten“ erzählt. Angeblich gab es bestimmte Häuser, denen ein „Wannern“ nachgesagt wurde. Eine dieser Wannergeschichten spielte sich am Gehilfersberg ab, und folgendes war vermutlich geschehen:

Ein auswärtiger Pfarrer bat den Rasdorfer Pfarrer, auf dem Gehilfersberg eine
mitternächtliche Messe halten zu dürfen. Diese Messe war für den Vater des auswärtigen Pfarrers gedacht, dessen Seele angeblich weder auf Erden noch im Jenseits Frieden finde. Die Seele des verstorbenen Vaters spukte auf Erde ruhelos umher. Der Bitte des fremden Pfarrers wurde entsprochen, ein Messdiener begleitete ihn und die Messe wurde um Mitternacht in der Kapelle auf dem Gehilfersberg abgehalten. Punkt Mitternacht, gerade im Moment der Hl. Wandlung begann ein lautes Bäumerauschen, ein furchterregendes Gerassel, wie von Ketten ausgelöst, näherte sich der Kapellentür. Die Tür sprang auf, Schritte bewegten sich in Richtung Altar. Der Messdiener Robert verkroch sich angstzitternd unter des Pfarrers Chorrock. Der Pfarrer allerdings konnte ihn beruhigen und erklärte ihm, dass das die Seele seines Vaters war, die nunmehr erlöst sei und nicht mehr auf Erden wandern, sprich: „wannern“! müsse.

Nach diesem Spukspektakel konnte die Messe friedlich zu Ende gehalten werden.

Dies war eine von vielen Wander- bzw. „Wanner“-Geschichten.

Quelle: Rasdorfer Geschichtsblatt Nr. 10/2002, Seite 16