1. Rhöner Schinken- und Destillationsmarkt

Jugenderinnerungen an einen Spielgefährten

nacherzählt von Erika Gutberlet

Hergets Rudolf vom Geisaer Tor besaß als Kind einen Schafbock. Die Kinder gaben ihm den Namen Hannes. Dieser Hannes war kein gewöhnlicher Schafbock, sondern der liebste Spielgefährte der Kinder vom Geisaer Tor ausgangs der 40er Jahre. Er folgte ihnen überall hin, und wenn er einmal nicht wollte, brauchten sie nur die Fäuste vor die Brust zu heben. Das war für Hannes die Aufforderung, sie anzuspringen und ihnen nachzulaufen. So hatten sie immer einen Spielkameraden, und für beide Seiten war es ein Riesenspaß.

Zur damaligen Zeit war es üblich, dass unser allseits verehrter und bei den Kindern auch etwas gefürchtete Pfarrer Friedrich Kress das Allerheiligste zu Fuß zu den Kranken brachte. Für die Rasdorfer Kinder war es Pflicht, daß sie sich, wenn sie des Pfarrers ansichtig wurden, hinknieten und das Kreuzzeichen machten. Es wurde natürlich oft versucht, das zu umgehen. Wehe dem der erwischt wurde, weil er sich nicht schnell genug verdrückt hatte. So geschah es eines Tages, daß die Kinder des oberen Geisaer Tores den Hannes wieder mal Bocksprünge machen ließen. Plötzlich sahen sie von weitem den Herrn Pfarrer kommen mit dem Allerheiligsten vor der Brust. Alle waren ruck zuck wie vom Erdboden verschwunden, nur der Hannes stand noch mitten auf der Gasse. Hergets Rudolf wußte, was kommt, wenn der Hannes den Herrn Pfarrer mit vor der Brust gehaltenen Händen sieht. Daher nahm er all seinen Mut zusammen, rannte aus seinem Versteck zum Hannes hin, klemmte sich den Schafbockkopf unter den Arm, kniete vor dem Pfarrer nieder und rettete somit das Allerheiligste vor dem Fall und sich selbst vor eventuellen größeren Unannehmlichkeiten. Der tolle Spielgefährte nahm jedoch bald ein unrühmliches Ende. Wie man sich erzählt, soff er Ablaßöl, was ihm natürlich nicht bekam. Er starb daran. Die Kinder waren einige Wochen untröstlich, doch in der Erinnerung lebt der Hannes heute noch.

Quelle: Rasdorfer Geschichtsblatt Nr. 6/2001, Seite 5