1. Rhöner Schinken- und Destillationsmarkt

Vom Rasdorfer Wallwesen vor ca. 200 Jahren

von Christa Wiegand

In frommer Absicht ist das Wallen durch Flur und Feld schon im Mittelalter gepflegt worden, um vor der Erntezeit betend und singend den Herrgott und alle Heiligen um gutes Wetter und eine gedeihliche Ernte zu bitten.

In Prozessionen, voran mit dem Kruzifix und den Fahnen, wallfahrtete man auch durch die Flur in benachbarte Pfarrkirchen, um gemeinsam mit weiteren Wallfahrern einen
Bittgottesdienst zu feiern. Nach einer kurzen Stärkung sollten die Wallfahrer wieder den Rückweg antreten.

Die Menschen in jener Zeit, die in harter Arbeit und Beschwernissen lebten, sahen in den Wallfahrten in die benachbarten Pfarrorte neben der religiösen Übung auch einen Ausflug aus dem Alltag in ihrer vergnügungsarmen Zeit. Dies hatte zur Folge, daß sich allmählich das fromme Brauchtum mit volksfestartiger Belustigung vermischte. Die vielerorts ausgedehnten Vesperpausen gewährleisteten oft nicht mehr „… das Zurückwallen in gehöriger Andacht und Erbauung“, berichtet der Rasdorfer Pfarrer.
Die Beschwerden der Pfarrgeistlichen mehrten sich.

Nach mehreren Wallfahrtsverboten und Änderungen durch den Fürstbischof Heinrich von Bibra aus den Jahren von 1765 bis 1778 forderte wegen der anhaltenden Ausschweifungen das Generalvikariat am 15.03.1805 Berichte über das Wallfahrtsverhalten in den Pfarreien. Im gleichen Jahr wurde dann eine Neuordnung des Wallfahrtwesens durch kirchliche und weltliche Institutionen für das Fuldaer Land verfügt.

Auch die Pfarrherren wurden angehalten, sich dringend um einen geordneten, sittlichen Ablauf der Wallfahrten zu bemühen. Selbst die nachfolgende Kurhessische Regierung erließ noch 1822 widerum ein Wallfahrtsverbot.

Ursprünglich wallten am Montag in der Bittwoche die Rasdorfer in einer Prozession nach Großentaft, am Dienstag nach Schleid. Am Mittwoch kamen Wallfahrer aus den umliegenden Pfarreien Eiterfeld, Oberufhausen, Großentaft, Geisa, Schleid, Geismar, Haselstein und noch weiteren nach Rasdorf. Sechzehn Prozessionen sollen es gewesen sein, für die in der Stiftskirche ein Hochamt zelebriert wurde. Der traditionelle Kram- und Jahrmarkt an diesem Tag wird ein weiterer Anziehungspunkt gewesen sein für die vielen Menschen, die in der Kirche keinen Platz fanden. Der Geisaer Pfarrer berichtet: „Da an diesem Tag in Rasdorf auch Jahrmarkt war, wurde in den beiden Wirtshäusern getanzt und gesoffen.“

Am Donnerstag, Christi Himmelfahrt, ist in Anlehnung an den 1765 verbotenen Flurritt in der heimischen Flur um den Ort gewallt worden, so auch noch freitags und samstags.
Der Pfarrer von Burghaun plädierte auch für eine Wallfahrtseinschränkung „… da bei Wallfahrten in andere Dörfer sich Ausschweifungen nicht vermeiden lassen. Saufereien und Schlägereien sind an der Tagesordnung…“

Der Eiterfelder Pfarrer beschreibt die Prozession nach Rasdorf am Mittwoch in der Bittwoche: „… eine zweistündige, folglich unanständige Wallfahrt …“
Der Pfarrer von Margrethenhaun berichtet, daß die Prozession in der Bittwoche nach Steinhaus die ordentlichste sei: „… weil da kein Wirtshaus ist…“

Auf Betreiben des Geisaer Pfarrers wurden die Prozessionen von Geisa und Geismar in der Bittwoche nach Rasdorf vom Generalvikariat untersagt. Auch weitere Wallfahrten nach Rasdorf und zum Gehilfersberg wurden wegen ihrer „besonders unerträglichen Folgen…“ erheblich eingeschränkt.

Wahrscheinlich wegen des Jahrmarktes in Rasdorf griffen die Verbote von 1805 hier nicht so, wie erwartet. Immerhin handelte es sich um einen Eingriff in altüberbrachtes Brauchtum, der bei der Bevölkerung auf Unverständnis stieß. Noch im Jahre 1832 berichtete der Rasdorfer Pfarrer Franz Schreiner an das Domkapitel in Fulda von den unordentlichen Prozessionen nach Großentaft. Nachfolgend sind einige Auszüge aus dem umfangreichen Schriftverkehr zwischen dem Rasdorfer Pfarrer und dem Domkapitel in wörtlicher Wiedergabe aufgeführt.

„Nachdem die vielen früheren Wallfahrten in der Bittwoche nach Rasdorf vorgefallenen Schlägereien und Ärgernisse wegen, nach einer segensreichen Verfügung nur auf die betreffenden der Pfarreien eingeschränkt und so der ursprünglichen Feier dieser Tage nähergebracht wurden, blieb für die hiesige und Haselsteiner Pfarrei noch die Wallfahrt auf dem Montag in der Bittwoche nach Großentaft und für diese beidigen nur auf Mittwoch nach Rasdorf … Die Wallfahrt in eine fremde Pfarrei macht eine Ausnahme von jener jeden Abend um das Dorf, worauf zum Schluß in der Kirche jedes Mal eine gebührliche Andacht gehalten wird. So sehr nun doch noch die Absicht der Kirche verrichtet wird, so hinderlich und ärgerlich sind die Durchschnitte der Prozessionen in eine fremde Pfarrei. Was nach den Hinzügen der Bauer zuerst verlangt, ist das Wirtshaus …
…Den Alten stärkt die Ausgelassenheit der Jungen und das Andrängen der Rohheit erleichtert deren zum anderen Geschlechte die Schamlosigkeit. Saufereien sind gewöhnlich, Nachzüge nicht selten und Schlägereien das traurige Ende. Was soll der Pfarrer thun, wenn mehrere nicht so betrunken sind, daß sie liegenbleiben, eben doch so voll, daß sie, zum Wallfahrten unfähig, nur lallen können? Durch unrechte Hitze das Ärgernis vergrößern, durch Schweigen derselben dulden oder sich durch Strenge einer Behandlung aussetzen, wie dies in neuerer Zeit sogar größer wurde. Daß bei solchen Zügen und Gelegenheiten das weibliche Geschlecht seiner überflüssigen Gebrechlichkeit zu handhaben nicht versäumet, läßt sich leicht denken.

Darin liegt es, daß die hiesigen Leute für diese noch einige Prozessionen über Feld nach Großentaft eben nicht eingenommen sind, sondern vielmehr wünschen, daß nur in der Pfarrei gewallfahrtet werde.“

Weiter berichtet der Rasdorfer Pfarrer: „Diesem vorgängig mache ich nun die unterthänige Anzeige, daß auf Mittwoch in der Bittwoche zwischen Großentaftern, die angefangen haben und Hiesigen, in dem Wirtshause eine blutige Schlägerei vorgefallen ist. Nach fuldischer Manier haben sie zuerst den Wirt geprügelt und sich dann mit Riemen die Köpfe aufgeschlagen.“

Der untertänigen Empfehlung des Rasdorfer Pfarrers, nicht mehr nach Großentaft wallen zu wollen, wurde vom Generalvikariat stattgegeben. Es wurde ihm empfohlen, in die Filialkirchen zu wallen. Dieser lehnte das jedoch ab, da die Kapellen zu klein seien, und die Grüsselbacher und Setzelbacher nach Rasdorf wallen könnten.

In einem anschließenden Schreiben vom November 1832 wurde dem Großentafter Pfarrer Mihm vom Domkapitel mitgeteilt „Wir sehen uns hinreichend veranlaßt, zur Verhütung der gleichen ärgerlichen Auftritte jene Wallfahrt in eine andere, innerhalb der Pfarrei Großentaft, ein Amt in der Filialkirche zu halten …“ Den Haselsteinern jedoch war es weiterhin gestattet, an diesem Tag nach Rasdorf zu wallen.

Nicht immer, nicht bei allen und auch nicht allerorts wird es so hergegangen sein, wie hier berichtet. Aus den staatlichen und kirchlichen Wallfahrtsverboten geht auch hervor, dass neben den genannten Gründen hauptsächlich die Vernachlässigung der alltäglichen Arbeiten befürchtet wurde. Letztlich hat das fuldische Wallfahrtswesen durch die Neuordnung Anfang des 19. Jahrhunderts eine eingreifende Reform erfahren, die mancherorts heute noch besteht.

Einige Wallfahrten zum Gehilfersberg blieben bestehen, andere lebten in kleinen Gruppen wieder auf. Viele Menschen kamen bis nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Geisaer Land und der Umgebung zum Gehilfersberg. Und wie schon in alter Zeit hatten sich die Rasdorfer Gastwirte, die in ihren Höfen noch zusätzliche Sitzgelegenheiten geschaffen hatten, darauf eingestellt und gehofft, daß die Gehilfersbergbesucher vor ihrem Rückgang die Wallwurst bei ihnen verzehren würden. Nach kurzer Stärkung traten diese dann wieder ihren Heimweg an in frommer Absicht, wie sie gekommen waren.

Quelle: ABGVF, Akte Wallwesen, 
Rasdorfer Geschichtsblatt Nr. 10/2002, Seite 14